Sampling & Temperature

Das Mini-Roulette nach jedem Token — und die Knöpfe, an denen man drehen kann.

Architekturen 10 min Fortgeschritten 15. Juni 2026

Du weißt, dass ein Sprachmodell das nächste Token vorhersagt. Aber zwischen der internen Berechnung des Modells und dem Wort, das auf deinem Bildschirm erscheint, liegt eine kritische Entscheidungsschicht, die die meisten Nutzer nie sehen. Hier werden 100.000 Kandidaten bewertet, gereiht und einer ausgewählt — und die Regeln dieser Auswahl bestimmen, ob der Output sicher, kreativ, repetitiv oder unsinnig wird. Dieser Artikel öffnet die Black Box der LLM-Einstellungen: Softmax, Sampling und Temperature. Keine höhere Mathematik nötig — nur die Bereitschaft zu verstehen, warum dieser "Temperature"-Regler existiert und was er tatsächlich steuert.

Softmax — Von Rohwerten zu Wahrscheinlichkeiten

Nach dem Forward-Pass gibt ein Transformer für jedes Token in seinem Vokabular einen Rohwert aus — einen sogenannten Logit. Bei etwa 100.000 Tokens im Vokabular sind das 100.000 Zahlen. Diese Logits sind abstrakte Werte ohne direkte Interpretation: Ein Logit von 4,2 für "Futter" und -3,1 für "Algebra" sagt dir, dass "Futter" bevorzugt wird, aber nicht um wie viel — und die Zahlen bilden keine brauchbare Wahrscheinlichkeitsverteilung. Genau hier kommt Softmax ins Spiel.

Softmax

AnalogieDefinition
Stell dir einen Kochwettbewerb mit vier Juroren vor, die völlig unterschiedliche Skalen benutzen. Ein Juror vergibt 0 bis 10, ein anderer -50 bis 200, ein dritter nutzt Dezimalbrüche. Die Rohwerte sind nicht vergleichbar. Um einen Gewinner zu küren, rechnet ein Koordinator alle Bewertungen in Prozente um: Gericht A bekommt 45 %, Gericht B 30 %, Gericht C 20 %, Gericht D 5 % — zusammen exakt 100 %. Softmax ist dieser Koordinator: Er nimmt beliebig skalierte Zahlen und erzeugt ein faires, normiertes Ranking.

Beispiel

Die Analogie hat Grenzen: Jury-Bewertungen haben eine menschlich interpretierbare Bedeutung — eine "7 von 10" sagt etwas aus. Logits haben keine intrinsische Bedeutung. Außerdem bewertet ein Kochwettbewerb vielleicht 10 Gerichte; ein LLM evaluiert 100.000 Tokens gleichzeitig.
1
Logits Rohwerte: Futter = 4,2 | Spielzeug = 2,8 | Bett = 0,5 | Algebra = -3,1
2
Exponentieren e hoch Logit: 66,7 | 16,4 | 1,6 | 0,04
3
Normieren Durch Summe (84,8) teilen
4
Wahrscheinlichkeiten Futter = 78,6 % | Spielzeug = 19,4 % | Bett = 1,9 % | Algebra = 0,1 %

Konkreter Durchlauf: Prompt: "Der Hund frisst sein..."

Logits: "Futter" = 4,2, "Spielzeug" = 2,8, "Bett" = 0,5, "Algebra" = -3,1. Nach Softmax: "Futter" = 78,6 %, "Spielzeug" = 19,4 %, "Bett" = 1,9 %, "Algebra" = 0,1 %. Die Exponentialfunktion verstärkt den Abstand — der Unterschied von 1,4 Logit-Punkten zwischen "Futter" und "Spielzeug" wird zu einem Verhältnis von etwa 4:1. "Algebra" mit seinem negativen Logit wird praktisch eliminiert.

Das Prinzip: Softmax macht Gewinner zu größeren Gewinnern und Verlierer zu größeren Verlierern.

Interaktiv: Warum Softmax Unterschiede verstärkt

Softmax berechnet e hoch Logit für jeden Token. Bewege den Slider und beobachte, wie die Exponentialfunktion bei wachsenden Werten alle anderen Funktionen dramatisch dominiert. Genau dieser Effekt sorgt dafür, dass selbst kleine Logit-Unterschiede zu großen Wahrscheinlichkeitsunterschieden werden.

120
f(x) = 11
f(x) = x100
f(x) = x²10.000
f(x) = 2ˣ1.073.741.824
Moderater Input

Bei n=100 wird der Unterschied sichtbar: O(n²) braucht 10.000 Operationen, während O(n) nur 100 braucht. O(log n) braucht nur 6.6 — das ist 15x weniger als O(n).

Verhältnis zu O(n)

KomplexitätOperationenFaktor vs. O(n)
f(x) = 11100x schneller
f(x) = x1001x (Referenz)
f(x) = x²10.000100x langsamer
f(x) = 2ˣ1.073.741.82410737418x langsamer

Sampling — Würfeln nach Regeln

Softmax hat eine Wahrscheinlichkeitsverteilung erzeugt. Jetzt muss das System ein einzelnes Token auswählen. Dafür gibt es zwei grundlegende Strategien.

Greedy Decoding

Wählt immer das Token mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Deterministisch — gleicher Input, gleicher Output. Problem: repetitiver, generischer Text, Endlosschleifen ("Der Hund ist ein Hund ist ein Hund...").

Stochastisches Sampling

Zieht zufällig aus der Verteilung, gewichtet nach Wahrscheinlichkeit. "Futter" gewinnt meistens, aber "Spielzeug" gewinnt manchmal auch — wie in natürlicher menschlicher Sprache, wo wir nicht mechanisch das vorhersagbarste Wort wählen.

Stell dir ein Glücksrad vor, aufgeteilt in verschieden große Felder: "Futter" belegt 78,6 %, "Spielzeug" 19,4 %, "Bett" 1,9 %. Greedy Decoding bedeutet, immer auf das größte Feld zu zeigen, ohne das Rad zu drehen. Stochastisches Sampling bedeutet, das Rad zu drehen und zu akzeptieren, wo es landet. Das größte Feld gewinnt meistens — aber nicht immer. Und dieses "nicht immer" macht Text menschlich.

Teste den Prompt "Der Hund frisst sein..." fünfmal:

Greedy (T=0): "Futter", "Futter", "Futter", "Futter", "Futter" — jedes Mal identisch.

Sampling (T=1): "Futter", "Spielzeug", "Futter", "Bett", "Futter" — "Futter" dominiert, aber Vielfalt entsteht natürlich.

Der Greedy-Output ist faktisch "korrekt" (Futter ist am wahrscheinlichsten), aber sprachlich tot. Der gesamplete Output spiegelt die tatsächliche Verteilung wider und klingt natürlicher.

Temperature & Top-P — Die Kreativitätsregler

Temperature (T) verändert die Softmax-Funktion, indem alle Logits vor der Exponentierung durch T geteilt werden. Das verändert nicht, was das Modell "denkt" — die Logits bleiben identisch. Es verändert nur, wie die finale Auswahl gewichtet wird.

T = 0

Deterministisch

Immer das wahrscheinlichste Token. Sicher, aber repetitiv und monoton.

"...vielversprechend. Künstliche Intelligenz wird weiterhin..."
T = 0,7

Ausgewogen

Moderate Variation. Natürlich klingend, gute Balance zwischen Sicherheit und Kreativität.

"...ein Balanceakt zwischen Innovation und Verantwortung. Während..."
T = 1,5

Kreativ

Höhere Variation. Ungewöhnliche Formulierungen, instabil bei längeren Texten.

"...ein kaleidoskopischer Tanz zwischen Siliziumträumen und der fragilen Melodie menschlicher Intuition..."
T = 2,5

Chaotisch

Verteilung nahezu gleichmäßig. Struktur bricht zusammen, Output wird unbrauchbar.

"...Banane Quantenphysik Regenschirm strategisch Dinosaurier..."

Temperature ist wie der Nüchternheitsgrad auf einer Dinnerparty. Bei T=0 (stocknüchtern) sagt jeder Gast nur das Sicherste und Offensichtlichste — vorhersagbar und langweilig. Bei T=0,7 (ein Glas Wein) werden die Leute witziger und kreativer. Bei T=2,0 (stark betrunken) reden sie zusammenhanglos durcheinander. Wichtig: Alkohol beeinträchtigt das tatsächliche Denken. Temperature verändert NICHT die Berechnung des Modells — die Logits bleiben bei jeder Temperature identisch. Nur die Auswahlgewichtung ändert sich.

Top-P (auch Nucleus Sampling) ist ein ergänzender Filter: Statt alle 100.000 Tokens zu berücksichtigen, summiert er Wahrscheinlichkeiten von oben und verwirft alles unterhalb eines Schwellenwerts (z.B. P=0,9 bedeutet 90 % kumulative Wahrscheinlichkeit). Das passt dynamisch an, wie viele Tokens als Kandidaten in Frage kommen. Ein ähnlicher Filter ist Top-K, der einfach nur die besten K Kandidaten durchlässt — unabhängig von ihren Wahrscheinlichkeiten. Top-P ist der Türsteher auf der Party: Egal wie betrunken die Runde wird, der Türsteher blockt die schlimmsten Beiträge.

In der Praxis haben sich für verschiedene Aufgaben folgende Temperature-Richtwerte etabliert:

Code-Generierung T = 0 – 0,3
Kundensupport T = 0,5 – 0,7
Kreatives Schreiben T = 0,8 – 1,2
Brainstorming T = 1,0 – 1,5

Temperature verhindert KEINE Halluzinationen

Halluzinationen entstehen, weil die Trainingsdaten des Modells statistische Muster um falsche Fakten herum erzeugen. Bei T=0 wählt das Modell seine konfidenteste Antwort — aber Konfidenz und Korrektheit sind unabhängig voneinander. Ein Modell kann eine faktisch falsche Aussage mit 99 % Wahrscheinlichkeit ausgeben. Temperature kontrolliert Zufälligkeit, nicht Genauigkeit. Für weniger Halluzinationen brauchst du Retrieval-Augmented Generation (RAG), Grounding oder Fine-Tuning — nicht einen Temperature-Regler.

Interaktiv: Token-Sampling ausprobieren

Jetzt bist du dran: Stelle die Temperature ein und würfle Tokens. Bei niedriger Temperature dominiert das wahrscheinlichste Token fast jedes Mal. Bei hoher Temperature verteilen sich die Ergebnisse breiter. Klicke mehrmals und beobachte, wie sich die tatsächliche Verteilung der theoretischen annähert.

Ein LLM hat den Anfang "Das Wetter heute ___" generiert und berechnet Wahrscheinlichkeiten für das nächste Wort. Das natürlichste nächste Wort ist "ist" — aber die Temperatur bestimmt, ob das Modell immer die sichere Wahl trifft oder auch ungewöhnlichere Fortsetzungen wagt.

0.1 (fokussiert)2.0 (kreativ)
Standard (T≈1.0): Die originalen Logit-Wahrscheinlichkeiten werden verwendet. Balance zwischen Präzision und Vielfalt.

Wahrscheinlichkeitsverteilung (bei T=1.0)

ist
73.3%
war
13.4%
wird
8.1%
soll
2.7%
bleibt
1.5%
kann
1.0%

Ergebnisse (0 Samples)

Noch keine Samples — klicke "Token würfeln"

Starte das Experiment

Klicke "Token würfeln" um zu sehen, wie das LLM bei der aktuellen Temperatur sampelt. Beobachte, wie sich die Verteilung der Ergebnisse mit mehr Samples der theoretischen Wahrscheinlichkeit annähert.

Die Softmax-Formel lautet: P(Token_i) = e^(Logit_i) / Summe(e^(Logit_j)). Die Exponentialfunktion e^x hat zwei entscheidende Eigenschaften: Sie macht alle Werte positiv (notwendig für Wahrscheinlichkeiten) und sie verstärkt Unterschiede nichtlinear. Bei unseren Beispiel-Logits (4,2 und 2,8): e^4,2 = 66,7 und e^2,8 = 16,4. Der Logit-Unterschied von 1,4 Punkten wird zu einem Verhältnis von 4:1. Für Temperature ergänzt sich die Formel zu: P(Token_i) = e^(Logit_i/T) / Summe(e^(Logit_j/T)). Bei T<1 werden die Abstände zwischen den Logits vor der Exponentierung vergrößert (schärfere Verteilung). Bei T>1 werden sie verkleinert (flachere Verteilung).

Greedy Decoding kann das Modell in Endlosschleifen fangen: Wenn ein repetitives Muster beginnt ("Der Hund ist..."), ist das wahrscheinlichste nächste Token genau das, was die Schleife fortsetzt. Die Repetition Penalty wirkt dem entgegen, indem sie die Logits bereits verwendeter Tokens künstlich abwertet. Ein typischer Wert ist 1,1 bis 1,3 — genug, um Wiederholungen zu reduzieren, ohne die Textqualität zu beeinträchtigen. Zu hohe Werte (>1,5) können dazu führen, dass das Modell gezwungen wird, unpassende Synonyme zu verwenden.

Takeaways

  • Softmax ist der Übersetzer zwischen der internen Welt des Modells (abstrakte Logit-Werte) und der menschenlesbaren Welt (Wahrscheinlichkeiten, die sich zu 100 % summieren) — ohne ihn ist keine Token-Auswahl möglich.
  • Greedy Decoding (T=0) ist sicher, aber tot — es wählt immer das wahrscheinlichste Token und fängt das Modell in repetitiven Schleifen. Stochastisches Sampling lässt auch niedrigere Kandidaten gewinnen und stellt die natürliche Unvorhersagbarkeit menschlicher Sprache wieder her.
  • Temperature formt die Wahrscheinlichkeitskurve um, nicht das Wissen des Modells — das Modell "denkt" bei jeder Temperature dasselbe. Niedriges T macht es konservativ, hohes T experimentierfreudig. Aber T=0 verhindert keine Halluzinationen, weil eine konfident falsche Antwort immer noch das Top-Token ist.

Die Sampling-Konzepte aus diesem Artikel gelten nicht nur für Textgenerierung. In Diffusion Models steuern analoge stochastische Prozesse die Bildgenerierung — ein Thema, das im nächsten Artikel dieser Reihe behandelt wird.

Checkpoint: Sampling & Temperature

  • Warum kann ein Sprachmodell seine Rohwerte (Logits) nicht direkt als Wahrscheinlichkeiten nutzen — und was macht Softmax damit?
  • Erkläre an der Glücksrad-Analogie den Unterschied zwischen Greedy Decoding und stochastischem Sampling.
  • Warum verhindert das Einstellen der Temperature auf 0 (Greedy Decoding) keine Halluzinationen?

Quiz: Sampling & Temperature

Frage 1 / 6
Noch offen

Ein Entwickler erhält vom Modell die Rohwerte [5,0; 3,0; 1,0; -2,0] und muss ein Token auswählen. Warum kann er diese Zahlen nicht direkt verwenden, und welche Transformation ist nötig?

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