Large Language Models

Das Modell, das im Grunde nur das nächste Wort schätzt — und dabei eine erstaunliche Karriere macht.

Architekturen 12 min Experte 15. Juni 2026

Du hast gesehen, wie Transformer Self-Attention nutzen, um Sequenzen zu verarbeiten. Jetzt stell dir vor, du skalierst diese Architektur auf 175 Milliarden Parameter und fütterst sie mit mehr Text, als ein Mensch in hundert Leben lesen könnte. Das Ergebnis: ein System, das nur die Aufgabe hatte, das nächste Wort vorherzusagen — und dabei gelernt hat, Gedichte zu schreiben, Code zu debuggen und Quantenphysik zu erklären.

Dieser Artikel erklärt, wie LLMs funktionieren, warum Skalierung so präzise wirkt, und was eine rohe Textmaschine in den Assistenten verwandelt, den du als ChatGPT kennst.

Die einfachste Aufgabe, die alles verändert

Large Language Model (LLM)

AnalogieDefinition
Stell dir jemanden vor, der eine fremde Sprache lernt, indem er nur Millionen von Büchern liest — kein Lehrer, kein Wörterbuch, keine Grammatikregeln. Nur durch das Vorhersagen des nächsten Worts verinnerlicht er Grammatik, Fakten, Stil und sogar kulturelles Wissen. Irgendwann kann er eigene Aufsätze in dieser Sprache schreiben, obwohl ihm nie explizit beigebracht wurde, wie.

Das Trainingsziel ist verblüffend simpel: Gegeben eine Folge von Token, sage das nächste vorher. Der gesamte Trainingstext liefert die Labels — jedes Token ist gleichzeitig Eingabe und Ziel. Deshalb braucht man keine menschlichen Annotoren.

Beispiel: Der Satz "Die Katze sitzt auf dem ___". Das Modell ordnet hohe Wahrscheinlichkeiten Wörtern wie "Dach", "Tisch" oder "Sofa" zu, und niedrige Wahrscheinlichkeiten für "Autobahn" oder "Kühlschrank". Aus Milliarden solcher Vorhersagen baut sich ein tiefes Verständnis der Sprachstruktur auf.

Emergente Fähigkeiten

Bei ausreichender Skalierung treten Fähigkeiten auf, die nie explizit trainiert wurden: Zusammenfassung, Übersetzung, Codegenerierung und logisches Schlussfolgern. Keines davon wurde dem Modell beigebracht — sie entstehen als Nebenprodukt des Skalierens.

Verstehen LLMs Sprache?

Ob LLMs Sprache tatsächlich verstehen oder nur statistische Muster reproduzieren, gehört zu den zentralen offenen Fragen der KI-Forschung und Philosophie. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Einigkeit.

GPT-3 markiert einen Meilenstein: 175 Milliarden Parameter, trainiert auf 300 Milliarden Token, Trainingskosten etwa 4,6 Millionen Dollar. Trainiert auf mehr Text, als ein Mensch in hundert Leben lesen könnte.

Fehlvorstellung

"LLMs verstehen Sprache so wie Menschen."

Sie berechnen statistische Verteilungen über Token-Sequenzen. Ob dieses Pattern-Matching echtes Verstehen ist, wird aktiv debattiert. Das System erzeugt menschenähnliche Ergebnisse, ohne Bedeutung so zu verarbeiten wie biologische Gehirne. Der entscheidende Unterschied zur Analogie: Ein Mensch braucht eine Verbindung zur physischen Welt, um Bedeutungen zu lernen — das Modell baut sich eine rein statistische Karte, ohne zu wissen, wie sich ein Wort anfühlt.

Interaktiv: Next-Token Prediction ausprobieren

Bewege den Temperatur-Slider und beobachte, wie sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung über mögliche nächste Token verändert. Würfle Token und sieh, wie sich die tatsächliche Häufigkeitsverteilung mit mehr Samples der theoretischen Wahrscheinlichkeit annähert.

Ein LLM hat den Anfang "Das Wetter heute ___" generiert und berechnet Wahrscheinlichkeiten für das nächste Wort. Das natürlichste nächste Wort ist "ist" — aber die Temperatur bestimmt, ob das Modell immer die sichere Wahl trifft oder auch ungewöhnlichere Fortsetzungen wagt.

0.1 (fokussiert)2.0 (kreativ)
Standard (T≈1.0): Die originalen Logit-Wahrscheinlichkeiten werden verwendet. Balance zwischen Präzision und Vielfalt.

Wahrscheinlichkeitsverteilung (bei T=1.0)

ist
73.3%
war
13.4%
wird
8.1%
soll
2.7%
bleibt
1.5%
kann
1.0%

Ergebnisse (0 Samples)

Noch keine Samples — klicke "Token würfeln"

Starte das Experiment

Klicke "Token würfeln" um zu sehen, wie das LLM bei der aktuellen Temperatur sampelt. Beobachte, wie sich die Verteilung der Ergebnisse mit mehr Samples der theoretischen Wahrscheinlichkeit annähert.

Das Rezept für Skalierung

Kaplan et al. (2020) wiesen empirisch nach, dass die Leistung von LLMs als Potenzgesetz steigt, wenn drei Faktoren zusammen skaliert werden: Modellparameter, Trainingsdaten (Token) und Rechenleistung. Die Verbesserung ist vorhersagbar und kontinuierlich — keine plötzlichen Sprünge.

175 Mrd.
GPT-3 Parameter Größtes LLM im Jahr 2020
20:1
Chinchilla-Ratio Token pro Parameter (optimal)
$4,6 Mio.
GPT-3 Trainingskosten Einmaliges Pre-training
15 Bio. Token
Llama 3 Trainingsdaten Meta, 2024 (405B Modell)
2019

GPT-2 (OpenAI)

1,5 Mrd. Parameter. Erster Beweis, dass Skalierung allein bemerkenswerte Textgenerierung ermöglicht.

2020

GPT-3 (OpenAI)

175 Mrd. Parameter, 300 Mrd. Token. Zeigt Few-Shot-Learning: Das Modell löst neue Aufgaben mit nur wenigen Beispielen im Prompt.

2022

Chinchilla (DeepMind)

70 Mrd. Parameter, 1,4 Bio. Token. Erreicht oder übertrifft GPT-3 mit 60% weniger Parametern — die optimale Ratio ist ~20 Token pro Parameter.

2024

Llama 3 (Meta)

8B/70B/405B-Varianten, 15 Bio. Token. Open-Source-Modelle mit veröffentlichten Gewichten. 37 Token pro Parameter — bewusst übertrainiert für Inferenz-Effizienz.

2024

GPT-4 (OpenAI)

Geschätzt ~1,8 Bio. Parameter (Mixture of Experts — eine Technik, bei der das Modell aus spezialisierten Teilnetzen besteht). Multimodal — verarbeitet Text und Bilder. Genaue Architektur nicht veröffentlicht.

Konkreter Vergleich: GPT-3 (175B Parameter, 300B Token, untertrainiert) versus Chinchilla (70B Parameter, 1,4T Token, optimal) — vergleichbare Leistung bei einem Bruchteil der Kosten.

Hoffmann et al. (2022) zeigten: Das optimale Verhältnis für compute-effizientes Training liegt bei etwa 20 Token pro Parameter. GPT-3 mit 175 Mrd. Parametern und 300 Mrd. Token hatte nur 1,7 Token pro Parameter — massiv untertrainiert.

Chinchilla mit 70 Mrd. Parametern und 1,4 Bio. Token (20 Token/Parameter) erreichte oder übertraf GPT-3 auf den meisten Benchmarks — mit einem Bruchteil der Modellgröße.

Moderne Modelle wie Llama 3 (405B Parameter, 15 Bio. Token = 37 Token/Parameter) werden absichtlich über das Chinchilla-Optimum hinaus trainiert. Grund: Kleinere, übertrainierte Modelle sind in der Inferenz günstiger, weil weniger Parameter geladen werden müssen.

Fehlvorstellung

"Größere Modelle sind immer besser."

Ein 70B-Modell mit der richtigen Datenmenge kann ein 175B-Modell mit zu wenig Daten erreichen oder übertreffen. Größe ohne proportionale Daten ist verschwendete Rechenleistung.

Von der Textmaschine zum Assistenten

Ein LLM durchläuft drei Trainingsphasen. Jede Phase fügt eine andere Fähigkeit hinzu. Die Kosten und der Zeitaufwand sinken von Phase zu Phase drastisch.

1
Pre-training (Mio. $, Monate)
2
Instruction Tuning ($, Tage)
3
RLHF ($$, Wochen)

Phase 1: Pre-training. Die teuerste Phase (Millionen Dollar). Das Modell liest massenhaft Text und lernt allgemeine Sprachstrukturen, Fakten und Zusammenhänge. Ergebnis: eine Textvervollständigungsmaschine, die jeden Satz weiterführen kann — aber keine Anweisungen befolgt.

Phase 2: Instruction Tuning. Supervised Fine-tuning auf (Prompt, Antwort)-Paaren. Das Modell lernt, Anweisungen zu befolgen: Frage → hilfreiche Antwort statt beliebiger Textvervollständigung. Relativ günstig und schnell.

Phase 3: RLHF (Reinforcement Learning from Human Feedback). Menschliche Bewerter ranken verschiedene Modellantworten. Ein Reward-Modell wird daraus trainiert und steuert die weitere Optimierung. Das Modell wird hilfreicher, sicherer und ehrlicher.

GPT-3 (Basismodell)

Prompt: "Erkläre Quantencomputing". Antwort: Setzt den Text beliebig fort, möglicherweise ein Wikipedia-ähnlicher Absatz, geht oft vom Thema ab. Keine Struktur, keine Adressierung des Nutzers.

ChatGPT (Instruction Tuning + RLHF)

Prompt: "Erkläre Quantencomputing". Antwort: Strukturierte, hilfreiche Erklärung, die sich an den Nutzer richtet. Gleiche Grundgewichte, anderes Verhalten durch zusätzliche Trainingsschichten.

Das Konzept des Foundation Models: Ein universell vortrainiertes Modell wird zur Basis für spezialisierte Anwendungen. Medizin, Recht, Kundenservice — per Fine-tuning wird ein Generalmodell zum Experten. Man trainiert nicht jedes Mal von null.

Meta veröffentlichte mit Llama 3 die Modellgewichte. Jeder kann die Modelle herunterladen, anpassen und einsetzen. Nur wenige Unternehmen (Meta, Google, OpenAI, Anthropic) können sich das Pre-training leisten — es kostet zig Millionen Dollar und braucht tausende Spezialchips.

Aber Fine-tuning ist erschwinglich. Die Demokratisierung entsteht dadurch, dass jeder auf einem vortrainierten Foundation Model aufbauen kann. Das verändert die Wirtschaftsstruktur der KI grundlegend: Pre-training ist ein Oligopol, Fine-tuning ist zugänglich für alle.

Fehlvorstellung

"Fine-tuning bedeutet, das gesamte Modell von Grund auf neu zu trainieren."

Fine-tuning passt nur einen kleinen Teil der Gewichte an (oft mit parametereffizienten Methoden wie LoRA — einer Technik, die nur wenige zusätzliche Parameter trainiert statt das ganze Modell). Es ist wie eine Spezialisierung auf einem breiten Studium — nicht das Studium selbst wiederholen.

Der nächste Artikel zu Transfer Learning & Fine-Tuning vertieft den Fine-tuning-Prozess und zeigt, wie man mit wenigen hundert Beispielen ein spezialisiertes Modell erstellt.

Interaktiv: Die Attention-Formel erkunden

Klicke auf die einzelnen Terme der Attention-Formel, um ihre Bedeutung zu verstehen. Beachte, wie Query, Key und Value zusammenwirken, um relevante Informationen zu gewichten.

Attention — Kompaktform

Attention(Q,K,V)softmax(S)V
Attention(Q,K,V) — Ergebnis

Der Attention-Output: eine gewichtete Summe der Value-Vektoren. Für jedes Token berechnet der Mechanismus, welche anderen Token relevant sind, und kombiniert deren Informationen entsprechend.

Konkretes Beispiel

Gegeben: Attention(Q, K, V) = softmax(QKᵀ/√dₖ) · V

Komponenten: S = QKᵀ/√dₖ (Scoring-Funktion) , A = softmax(S) · V (Aggregation)

1Ähnlichkeit berechnen: Q · Kᵀ, skaliert durch √dₖ → QKᵀ/√dₖ
2Gewichte erzeugen: Softmax normalisiert die Scores → softmax(S)
3Gewichtete Summe: Attention-Gewichte × V → A

Die wichtigsten Erkenntnisse

  1. LLMs lernen durch Next-Token Prediction — keine menschlichen Labels nötig. Der Trainingstext IST das Supervisionssignal.
  2. Scaling Laws beweisen: Leistung verbessert sich vorhersagbar mit mehr Parametern, Daten und Compute — aber nur wenn alle drei zusammen skalieren (Chinchilla-Regel: ~20 Token pro Parameter).
  3. Ein rohes LLM ist nur eine Textvervollständigungsmaschine. Instruction Tuning und RLHF verwandeln es in einen hilfreichen Assistenten.
  4. Größer ist nicht immer besser. Ein gut trainiertes 70B-Modell kann ein schlecht trainiertes 175B-Modell übertreffen.
  5. LLMs berechnen statistische Wahrscheinlichkeiten über Token. Ob das "Verstehen" ist, bleibt eine offene wissenschaftliche und philosophische Frage.

Quiz: Large Language Models

Frage 1 / 6
Noch offen

Welches Trainingsziel wird beim Pre-training von LLMs verwendet?

Wählen Sie eine Antwort
Auflösung: 1) B · 2) C · 3) C · 4) B · 5) B · 6) C

Verständnisprüfung

  • Warum braucht Pre-training keine manuell gelabelten Daten, und woher kommen stattdessen die Trainingsantworten?
  • Wie hat die Chinchilla-Studie das bisherige Verständnis von Scaling Laws verändert?
  • Was ist der genaue Unterschied zwischen einem Basismodell wie GPT-3 und einem interaktiven Chat-Modell wie ChatGPT, und welcher Trainingsschritt ist dafür verantwortlich?