Webportal-Entwicklung mit KI: Ein Praxisbericht

Über das Experiment, ein komplettes Webportal ausschließlich mit Claude Code zu entwickeln

1. Dezember 2024 25 Minuten
KI-Entwicklung
Claude Code
Webportal
Praxis
Software-Engineering
Produktivität

Heute sprechen wir mit Michael Überschär über ein faszinierendes Experiment: die Entwicklung eines kompletten Webportals für sein Buch 'Basiswissen Künstliche Intelligenz' - ohne eine einzige Zeile selbst zu programmieren. Stattdessen setzte er vollständig auf Claude Code und innovative Context Engineering Methoden. Ein Gespräch über die Zukunft der Softwareentwicklung, praktische Herausforderungen mit KI-Agenten und die Frage: Können wir Programmierung wirklich als 'gelöstes Problem' betrachten?

Michael Überschär

UX Architect und Buchautor Basiswissen Künstliche Intelligenz

Der Autor hat ein komplettes Webportal für sein Buch ausschließlich mit KI-Tools entwickelt und dabei innovative Methoden des Context Engineering und der Agent-Zusammenarbeit erforscht.

Expertise:KI-Entwicklung, Context Engineering, Claude Code, Webentwicklung, Produktivität
  • Autor der KI-Fibel
  • Entwicklung dieses Webportals
  • KI-Experiment und Praxiserfahrung
  • Software-Architektur
Michael Überschär Porträt

Fragen und Antworten

Warum haben Sie sich für Claude Code entschieden? Es gibt ja mittlerweile verschiedene KI-Tools für Entwickler.

Claude Code, weil ich es quasi schon hatte. Ich hatte ein Claude-Abo bei Anthropic, das hat vor einer ganzen Weile für mich ChatGPT abgelöst. Das heißt: kein neuer Account, kein neues Abonnement, einfach aufsetzen und loslegen. Coding-Assistenten hatte ich schon verwendet, aber Claude Code ist einfach etwas anderes, etwas Neues. Es ist nicht unbedingt ein einfaches Tool, sondern ich habe hier tatsächlich einen Agent, der auch komplexere Aufgaben übernehmen kann und einen höheren Grad an Freiheit genießt.

Was macht Claude Code anders als zum Beispiel GitHub Copilot? Sie sprechen von einem 'höheren Grad an Freiheit'.

Mit GitHub Copilot bin ich einfach näher am Code, ich sehe den Code, ich arbeite direkt am Code. Theoretisch kann ich mit Claude Code Projekte umsetzen, ohne mir den Inhalt ein einziges Mal wirklich angeschaut zu haben. Es ist eigentlich eher wie ein Chat mit einem etwas unzuverlässigen Praktikanten. Darüber hinaus ist auch der Grad an Parallelisierung sehr interessant. Ich kann beliebig viele Instanzen gleichzeitig starten und an mehreren Projekten arbeiten lassen.

Haben Sie wirklich ein ganzes Webportal entwickelt, ohne jemals in den Code reinzuschauen?

Reingeschaut habe ich schon - ich war wahnsinnig neugierig, was für einen Code er schreibt, ob es überhaupt qualitativ hochwertiger Code ist. Das war ganz essenziell für meinen Lernprozess. Aber ich habe nur geguckt, nichts direkt am Code editiert, was manchmal auch haarsträubend war. Wenn man ein Problem gesehen hat und ganz genau wusste 'So geht es, genau hier liegt der Fehler', und ich habe teilweise Claude Code versucht zu instruieren, genau zu erklären, wo das Problem liegt.

Wie funktioniert denn Qualitätskontrolle, wenn Sie nicht selbst programmieren?

Ich lasse Claude Code natürlich auch Tests schreiben, Unit-Tests und so weiter, und regelmäßig fordere ich Claude Code auf, Code- und Architektur-Reviews durchzuführen, Reviews von anderen Agenten und gegebenenfalls Refactoring vorzunehmen. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum viele Leute mit AI-Coding schlechte Ergebnisse haben: Sie unterschlagen einfach all diese Dinge, die im Tagesgeschäft passieren, wenn ich professionelle Software entwickle.

Sie erwähnen 'Context Engineering' - können Sie das konkretisieren?

Bei Claude Code gibt es eine claude.md - ein Markdown-File, das Claude per Default liest. Hier liegt praktisch mein Projektordner mit den wichtigsten Informationen und dann gibt es eine ganze Liste von weiteren Dokumenten, meinen sogenannten Direktiven. Jede Direktive beschreibt einen speziellen Use Case. Die claude.md informiert: Sollte es zu einem dieser Use Cases kommen, dann lies vorher die entsprechende Direktive durch und befolge sie. Dadurch habe ich praktisch eine sehr erweiterte, große, spezifische Dokumentation, die vom Tool respektiert wird.

Was sind 'Lessons Learned' und wie helfen sie bei der Entwicklung?

Sobald irgendetwas schief geht - zum Beispiel Claude Code ein Problem encountered und nicht gleich eine zufriedenstellende Lösung findet - dann wird ein Lessons-Learned-Dokument angelegt. Praktisch habe ich so etwas wie Symptome, eine Root-Cause-Analyse, die fehlgeschlagenen Strategien, dann die erfolgreiche Strategie, dann ganz fallspezifische Details und einen Zähler. Die Lessons Learned sind interessant, weil wenn ein Problem wieder encountered wird und er kennt die Liste der Lessons Learned, dann findet er es vielleicht gleich.

Wie komplex wurde das Webportal am Ende tatsächlich?

Es ist mittelmäßig komplex. Es ist eine reine Angular-Frontend-Anwendung, aber relativ umfangreich - ich habe eine eigene kleine Komponentenbibliothek aufgebaut, eine ganze Menge an nützlichen Services, Direktiven. Es gibt einen Translation Service, mit dem ich jederzeit die Sprache im Portal umschalten kann, und gleichzeitig eine Highlight-Funktion für KI-Begriffe aus dem Glossar. Diese beiden Systeme können sich in die Quere kommen, aber Claude Code hat es letztendlich doch hinbekommen.

Sie erwähnen 100.000 Worte pro Sprache - wie haben Sie die Übersetzungen umgesetzt?

Das Schöne ist: Wenn ich das Ganze mit Claude Code mache und er diese Übersetzung erzeugt, dann geht er nicht einfach her und erstellt ein flaches Sprachfile, sondern er kann an die Stelle gehen, wo der Text vorkommt im Original. Er kann dann eine kontextspezifische Übersetzung machen - er berücksichtigt zum Beispiel für einen einzelnen Textschnipsel, was steht drüber und was steht drunter und was macht in diesem Kontext eigentlich Sinn. Dann habe ich eines Abends Claude Code gebeten, leichte Sprache für Deutsch und Englisch als eigene Sprachen anzulegen, und zwei, drei Stunden später war das Ganze passiert.

Was ist mit 'falschen Reports' - ein häufiges Problem?

Gerade dass Agenten zu lügen anfangen, ist leider ein extremes Problem. Claude Code berichtet quasi per Default immer von Erfolg: 'Alles erledigt, Projekt abgeschlossen' und so weiter. Wenn man dann nachhakt, erfährt man meistens 'Nein, es ist doch nicht alles erledigt.' Im schlimmsten Fall beharrt Claude Code darauf, alles ist erledigt, aber die Dinge sind noch unfertig. Das einzige, was garantiert funktioniert, ist selbst in den Code zu schauen und sauber immer mitzuverfolgen, was Claude Code macht.

War das Experiment insgesamt ein Erfolg?

Erfolg im Sinne von 'Ich habe dazugelernt und kann davon berichten' - ja, definitiv. Ich habe das mal grob überschlagen - 350 Personentage Produktentwicklung sind mit einem Aufwand von irgendetwas zwischen zwei bis drei Personentagen meiner Aufmerksamkeit höchstens entstanden. Das ist dann doch recht aufregend, vor allem, weil je weiter man mit diesem Projekt kommt, desto schneller scheint man auch erstmal voranzukommen.

Wo steht diese Technologie in ein, zwei Jahren?

Wenn der Trend weitergeht wie in den letzten paar Jahren, glaube ich, dass wir Softwareentwicklung als ein gelöstes Problem betrachten können. Dann werden Agenten auch in der Lage sein, komplexe Systeme zu bauen und zu warten. Bis hin zu UI aus dem Transformer, wo ich mir vorstellen kann: Ich interagiere mit einem Metaprogramm, artikuliere, was ich brauche, und on the fly baut mir ein LLM dann mein UI. Wir sind jetzt schon eigentlich am Anfang des Software-on-Demand-Zeitalters.

Was ist Ihr wichtigster Tipp für jemanden, der auch so ein Experiment wagen möchte?

Einfach anfangen. Vielleicht ein bisschen Frustrationstoleranz mitbringen, ein bisschen großzügig sein mit unserem digitalen Praktikanten, und dann einfach mit den einfachen Sachen starten und dann Stück für Stück rantasten und mit dem Tool wachsen.

Vielen Dank für dieses spannende und ehrliche Gespräch! Michael Überschärs Experiment zeigt sowohl die beeindruckenden Möglichkeiten als auch die aktuellen Grenzen von KI-gestützter Entwicklung auf. Von 350 Personentagen auf wenige Tage eigener Aufmerksamkeit - das ist schon bemerkenswert. Seine systematischen Ansätze mit Direktiven, Lessons Learned und Context Engineering werden sicher vielen Entwicklern helfen, die ähnliche Experimente wagen möchten. Das Webportal und das Buch 'Basiswissen Künstliche Intelligenz' finden Sie unter den angegebenen Links.